Yoga als Weg durch die Zeitenwende

Yoga als Weg durch die Zeitenwende

Auf der Welle der Transformation

Global bedeutsame Geschehnisse häufen sich. Daneben gewinnt Yoga zunehmend an Bedeutung. Kann die Bewusstseinspraxis des alten Indien in der aktuellen Situation dazu beitragen, sorgsamer mit uns selbst, unseren Ressourcen und unserem Planeten umzugehen?

von Huberta v. Gneisenau

Unser gesamter Erdball befindet sich augenblicklich im Umbruch. Naturkatastrophen, vom Menschen hervorgerufene Katastrophen wie atomare Unfälle, globale Umweltverschmutzung und der mögliche Zusammenbruch des Bankensystems sind Themen, die nicht einige wenige betreffen, sondern weltweite Auswirkungen haben. So bestätigte die Uno 2010, dass sich die Naturkatastrophen in den letzten 20 Jahren verdoppelt haben. Zwischen Fukushima, Ozonloch, Tsunamis und der Ressourcenhandhabung auf unserem Planeten besteht ein kausaler Zusammenhang. Selbst angesichts der alarmierenden Umweltveränderungen und Krisen unserer Gesellschaftssysteme werden weiterhin Milliarden in Rüstung und vielerlei Technologie gesteckt, die nicht umweltverträglich ist.

Sind wir uns über die Alarmzeichen wirklich bewusst? Dass Menschen in Armut andere Sorgen haben, als Umweltschutz, ist verständlich, aber die westliche Gesellschaft ist begütert genug, um die dringend notwendige Wende zu initiieren. Hierbei fällt dem Bewusstseinswandel des Einzelnen eine Schlüsselrolle zu.

Inmitten dieses bedrohlich klingenden Szenarios ist in den wirtschaftlich erfolgreichen Ländern eine steigende Sympathie für spirituelle Praktiken wie Yoga, Thai Chi, Chi Gong, Reiki, und Meditation erkennbar.
Ist nach Jahren der Ernte die Welle des Materialismus gesättigt, so dass der Trend nun Richtung Sinnsuche geht?
„Rückzug ins Kloster auf Zeit“ ist heute selbst im westlichen Kulturkreis nichts Außergewöhnliches mehr, und Manager finden es chic, Methoden des Achtsamkeitstrainings in ihr Konzept von „dynamisch, erfolgreich, unfehlbar“ zu integrieren. Eine zeitgemäße Tarnung, um die schleichende Erkenntnis zu verdrängen, dass sich Kapitalismus und Individualismus als Ende einer Sackgasse herausstellen.
Bereits zu Lebzeiten des Buddha vor 2500 Jahren wurde die Überbewertung von Ratio und Ego deutlich gesehen und die Gefahren einer solchen Einstellung erklärt. Nach buddhistischer Auffassung ist das „Ich“, eigentlich nur ein Werkzeug, um im Alltag zu funktionieren und sich untereinander austauschen zu können. Heutzutage scheint es, als wäre die Zeit reif für Anschauungen dieser Art, als wären immer mehr Menschen daran interessiert, hinter die Grenzen des vordergründigen Alltagslebens zu blicken. Dieser Wunsch bringt uns vielleicht deshalb auf den Geschmack an Yoga, Selbstergründung und Meditation, weil er letztendlich in den komplexen Bereich des Bewusstseins mündet.

… den denkenden Geist und die über das Bewusstsein laufende Wahrnehmung zu erforschen und geistige Prozesse zu verstehen…

Wahrnehmungs- und Bewusstseinsbildung verläuft in Phasen, abhängig von Sozialisation, kultureller Prägung, Erfahrungshintergrund und aktueller Lebenssituation. Obwohl die meisten Menschen die eigene Wahrnehmung als objektiv handhaben, sei an das Beispiel des Wassers erinnert, das sich gemäß dem Gefäß formt, in das es gegossen wird. So hat in jedem Moment die Art und Weise, wie wir unsere Aufmerksamkeit ausrichten, gestaltenden Einfluss darauf, wer wir sind und wie wir die Welt wahrnehmen. Sind wir unbewusst, gehorchen wir eher automatischen und sozialisationsgemäß bedingten Gewohnheiten. Mit feinerer Wahrnehmung merken wir, was in uns und um uns herum vor sich geht, und spüren, dass unser persönliches Sein nicht getrennt ist von anderen Prozessen des Lebens. Mensch und Erde werden wieder als zusammengehörig erlebt.

Ein Yoga-Praktizierender erfährt früher oder später, dass Yoga mehr ist als eine Fitnesspraxis. Durch die geistige Ausrichtung wird der unaufhörliche Gedankenstrom immer wieder unterbrochen ─ Momente von Stille und Verbundensein mit körperlichen oder geistigen Abläufen treten häufiger ein. Das bedeutet den Beginn einer inneren Transformation: über die Praxis und das damit einhergehende Selbststudium führt der Weg von Unbewusstheit zu einer erweiterten Wahrnehmung der feinen Funktionsweisen des eigenen Körpers und Geistes. Wo bislang unbewusstes Handeln (karma) und Denken die Hauptrolle spielte, uns im Prinzip mit dem Köder, glücklich zu sein und Leiden (dukkha) zu vermeiden, ständig beherrschte, bietet uns Yoga einen gangbaren Weg: den denkenden Geist und die über das Bewusstsein laufende Wahrnehmung zu erforschen und geistige Prozesse zu verstehen bis hin zur Auflösung aller Konditionierungen und Polaritäten.

Allerdings sind wir als westliche Yogainteressierte auch Kinder unserer Kultur, sozialisiert unter einem machtvollen Weltbild, dem zufolge nur akzeptiert wird, was den Filter rationaler Analyse und logischer Maßstäbe passiert. Während nach indischer Auffassung der Verstand ein Sinnesorgan ist, was ihm eine weniger absolute Stellung innerhalb des Bewusstseins einräumt, als im Westen, hat Renè Descartes Grundsatz „Ich denke, also bin ich“ seit Jahrhunderten noch immer einen Ehrenplatz in unserem Gehirn. Doch das mechanistische Paradigma der Wissenschaft wird allmählich erschüttert, seit sie an die Grenzen ihrer Theorien und deren Beweisbarkeit stößt. Ist das Weltall erfahrbarer geworden, weil wir jeden möglichen Millimeter davon analysieren und kostspielige Technologien hervorbringen, damit der Intellekt besser versteht, was um uns herum vorgeht? Glauben wir, den Globus dadurch unter Kontrolle zu haben? Konnte uns Fukushima diesbezüglich eine Lehre sein? Und was bedeutet Erfahrung und Verstehen wirklich? Während wissenschaftliche Beweisführung meist die Widerlegung oder Befürwortung eines Theorems vorsieht, und sich in Gegensätzen parteiisch verhält, oder nach einer Synthese, einer vereinigenden Theorie strebt, die die alten Theorien transzendiert, enthebt Yoga die Gegensätze ihrer Widersprüchlichkeit durch die Integration sämtlicher Aspekte und Theorien.

Ganzheitliche Erfahrung impliziert alle Erfahrungsebenen, mit denen wir Menschen ausgestattet sind: Bewusstsein, Wahrnehmung, Denken, Gefühl, und Körper. Selbst die kognitive Erfahrungsebene, die dem Begriff Bewusstsein sehr nahe kommt, gehört noch immer zum Denken im umfassenderen Sinn. Jeglicher Prozess von Denken aber ist nicht ganzheitlich. Jeder Gedanke ist eine Eingrenzung, und damit immer weniger, als die Erfahrung von formloser völliger Gegenwärtigkeit. Yoga gründet auf jenem Bewusstsein, und die dauerhafte Erlangung dieses Zustandes ist sein Ziel. Der große Schatz östlichen Gedankengutes eröffnet sich nicht, wenn wir Yoga aus rein rationalen Denkschablonen heraus betrachten oder wenn es auf bloße körperliche Ertüchtigung reduziert wird.

Festgelegte Denkgewohnheiten sind Bollwerke gegen eine mögliche innere Transformation. Wer schon in der Kindheit gelernt hat, Gefühle zu unterdrücken, ist notgedrungen in einem instrumentalisierten und verstandesorientierten Leben zuhause, gut geschützt, um nicht zu fühlen. Aus rein rationalistischem Blickwinkel betrachtet, ist es kaum erstrebenswert, uns selbst in unseren Zweifeln, Sorgen und Fehlern zu begegnen. Denn wie fühlen wir uns in einer Welt aus immer mehr technischem Aufwand im Verhältnis zu immer weniger ungestörter Natur? Die Ausrichtung des Geistes auf Glück, Vergnügen, und die Vermeidung von Leid erschwert der Menschheit das Erkennen der Herausforderung, vor der sie steht: die Verantwortung gegenüber uns selbst, unserem Handeln wie auch gegenüber unserem Planeten endlich anzunehmen, uns Gedanken über Entschleunigung im eigenen Leben zu machen und ökologisch vertretbare Prinzipien mit der individuellen Konsumhaltung abzugleichen.

Das bedeutet, den Irrglauben des Verstandes einer unabhängigen Identität aufzulösen…

All die verschiedenen Techniken des Yoga, die im Westen marktförderliche Blüten treiben, basieren ursächlich auf der teilnehmenden Beobachtung innerer und äußerer Dynamiken. Sie kann uns helfen, die Spuren gesellschaftlicher Muster, die Abdrücke in unserer Persönlichkeit hinterlassen, abzustreifen. Raya-Yoga nach dem Achtstufigen Pfad von Patanjali, eine 2000 Jahre alte aus Indien stammende Sammlung von Yoga-Schriften, integriert in jenen acht Stufen das gesamte menschliche Spektrum, um mit Hilfe ethischer Vorgaben, Konzentration und Meditation den Geist in Balance und Kontrolle zu bringen. Eine der bei uns bekanntesten praktizierten Segmente aus Raya ist das Hatha-Yoga mit Körperübungen und Atemtechniken. Jene Praktiken machen allerdings isoliert betrachtet nur wenig Sinn. Der wahre und letztendliche Yoga ist ausgerichtet auf Dharana (Konzentration), Dhyana (Meditation) und Samadhi (Einheit/Verschmelzung). Manche Meister übersetzen Samadhi, das ultimative Ziel des Yoga mit „Erleuchtung“ oder „Einheit“. Gemeint ist, wie es die Lankavatara-Sutra (10:675; BST.3.p.151) beschreibt, die „Soheit jenseits aller Gegensätze“.

Je tiefer die Praxis, umso deutlicher wird das Ziel des Yoga als Methode auf der Suche nach Erkenntnis unseres wahren Grundes, sich selbst als untrennbar mit dem Sein (purusa) verbunden zu erkennen. Das bedeutet, den Irrglauben des Verstandes einer unabhängigen Identität aufzulösen, genauer: die Identifikation mit sämtlichen Bewusstseinsinhalten (gunas), also auch derjenigen mit dem „eigenen“ Körper und dem Denken als Illusion zu entlarven.

Yoga bedient sich bestimmter Anschauungen als Hilfen, um die Brücke zur Innenwelt zu schlagen. Um den persönlichen Beitrag nach außen brauchen wir uns zunächst gar nicht kümmern, denn das von innen her gelebte Bewusstsein wird sich im Außen spiegeln. Wenn wir versuchen, die innere Achtsamkeit – Svadhyaya unserer Yogapraxis in unser sonstiges Leben zu integrieren, jeweils am Puls dessen, was wir fühlen und denken, beginnen wir den Erscheinungen des Alltags von einem stabilen inneren Zentrum aus zu begegnen. Allmählich verstehen wir die Gewohnheiten, Wertvorstellungen und Muster, unter denen wir bislang funktionierten. Nicht nur die Rollen, die wir einnehmen, auch die unaufhörliche Schnelligkeit des modernen Lebens sind Mechanismen, die uns immer wieder verführen, uns selbst zu entgleiten.

Mit Svadhyaya einher geht Ahimsa, die Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse. Was brauche ich? Kann ich mit mir selbst ohne innere Gewalt und Strenge umgehen, auch wenn ich nicht so gehandelt habe, wie ich es von mir erwarten würde und dem Bedürfnis dahinter Beachtung schenken? Wie viel von den möglichen Informationen tut mir gut? Wo sind meine Grenzen? Kann ich mir selbst liebevoll begegnen inmitten von dem, was der Alltag mir abverlangt und kann ich diesem inneren Anliegen immer wieder Gehör schenken? Indem wir uns selbst gegenüber Mitgefühl und Liebe entgegen bringen, bereit, diese Werte wieder in uns selbst zu spüren und den eigentlichen inneren Bedürfnissen Platz zu machen, tun wir dies auch für die Welt. Rigide innere Grenzen erfahren Entspannung und die Selbstachtung wird im „Für-mich-sorgen“ gefördert.

Unsere Unwissenheit wird langsam zu Weisheit.

Vairagya, die Nicht-Identifikation und Leidenschaftslosigkeit scheint zunächst im Widerspruch dazu zu stehen. Tatsächlich ist sie aber ein wesentliches Hilfsmittel in Bezug auf Gegenwärtigkeit. In Vairagya ist alles einfach so, wie es ist. Abgelehnte Anteile und Verhaltensweisen, innen wie außen, anzunehmen, heißt Verantwortung zu übernehmen, ohne sich mit den Phänomenen weiter zu identifizieren. Dies führt zu innerer Gelassenheit.
In der Annahme unserer jeweiligen Rolle, ohne zwischen Lust und Leid zu differenzieren, gewinnen wir Distanz zu den Bewertungen und Etikettierungen, die der Geist den Erscheinungen und Phänomenen unaufhörlich gibt. Ein Ausdruck dieser Haltung ist das Vertrauen, dass all das, was geschieht, einen tieferen Sinn hat, so paradox und unmenschlich es uns auch manchmal scheinen mag. Es will uns in allen nur erdenklichen Varianten immer wieder zur Grundstruktur evolutionären Geschehens führen.

Wie viele von uns hetzen durch den Alltag, fern von Vairagya, randvoll mit Selbsterniedrigung und Spielchen gegen sich selbst, die natürliche Hinwendung nach innen (Svadhyaya, Ahimsa) missachtend. Wir könnten damit beginnen, zu sehen, wie wenig Achtung wir unserem Leben entgegen bringen, wie wenig wir unsere Kreativität fördern ─ unsere Schöpfungskraft. Diese Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit im Umgang mit sich selbst heißt Satya. Wenn wir unser Ego (asmita) schützen, Sicherheit und Glück anbeten, während wir vor Angst gegenüber den äußeren Einflüssen fast vergehen, kann Satya helfen, das selbst konstruierte Leitbild der Angst wieder loszulassen. Je mehr wir aus unserem tiefsten Inneren leben, desto mehr verlässt uns die Angst. Unsere Unwissenheit wird langsam zu Weisheit. All die Zerrbilder dessen, wie ich sein will, die Verleugnung meines Erlebens und meiner Außendarstellung beginnen sich aufzulösen. Beziehen wir auch den Umgang mit der Umwelt ein, bedeutet das, auch dort spiegelklar hinzublicken, wo globale Alarmzeichen mit dem persönlichen Handeln in Verbindung stehen, etwa in der Überprüfung des eigenen Beitrages zur Umweltverschmutzung, wenn meine Familie und ich Auto fahren, in der Überlegung, wie viel Luxus ich wirklich brauche, oder wie es um das eigene Konsumverhalten steht angesichts weltweit zunehmender Ausbeutung von Mensch und Natur.

Indem wir Verantwortung für uns selbst als ganzheitlich eingebundene Wesen übernehmen und dem Bedürfnis unseres Inneren ebenso nachkommen wie dem Bedürfnis nach Sicherheit und Status, entsteht Verantwortung dafür, unsere Erde nicht einfach nur zu benutzen, sondern für sie zu sorgen, so liebevoll, wie wir für uns als Person zu sorgen bereit sind.

In jenem Seinsgrund, den wir tief in uns selbst hinter dem vordergründigen Leben und unterhalb der Alltags-Geräusche finden, kommen wir dem nahe, wer wir wirklich sind: die Spiegelung dessen, was gerade in diesem Moment geschieht. Innerer Frieden ist in jedem Moment mit uns, er wartet in der Stille des So-Seins.

 



Huberta v. Gneisenau, internationale Yogalehrerin BDY+Yoga Alliance India, Trainerin für Bildungsmanagement, Medizinethnologin – www.yoga-sein.eu
Der Artikel erschien im YOGA JOURNAL 05/2012 – Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Textes.

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